Piratenwanderung „6. Eisenpirat“ zum Mahnmal gefallene Bäume (1.9.2019)

Ahoi Piraten, Freibeuter, Landratten, *,

vergangenen Sonntag fand die jährliche Piratenwanderung „Eisenpirat“ zum sechsten Mal in Folge statt. Aus aktuellem Anlass war dieses Mal das Hauptziel die Mahn- und Gedenkstätte für die gefallenen Bäume des Jahres 2018. [1]
Die Darmstädter Stadtregierung und das Regierungspräsidium Darmstadt haben weite Teile des Darmstädter West- und Süd-Waldes als „Außenentwicklungsflächen“ für eine Rodung und anschließende Bebauung mit rund 9.000 Wohneinheiten bis vermutlich zum Jahr 2030 vorgeschlagen. [2]

Die Wanderung ist mit insgesamt knapp 14 Stunden und rund 50 km doch deutlich größer und länger als ursprünglich geplant ausgefallenen. Zusätzlich zum anspruchsvollen kulturellen Programm mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten ging es dieses Mal schwerpunktsmäßig um den Lebensraum Wald. Dazu wurde die Route kurzfristig etwas ausgeweitet, um mehrere Naturschutzgebiete, Wildbiotope, Bannwälder, Aufforstungsflächen und weitere markante Punkte zu erreichen.

Das hat es dieses Mal zu sehen gegeben:

Auerbacher Schloss – Eine der mächtigsten Burgen Süd-Hessens, bekannt durch Walpurgisnacht, Ritterspiele im Sommer.
Baumgrab – Ein schlichtes Holzkreuz ohne Inschrift, dekoriert mit Blumen am Fuße einer Rotbuche, etwas versteckt im Wald.
Borstein – Kletterfelsen.
Burg Frankenstein – Das weltberühmte, gruselige Original. Oft kopiert, aber nur hier echt.
Burg Tannenberg – Raubritterburg. Fundort der vermutlich ältesten Handfeuerwaffe der Welt. Sie ist im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ausgestellt. Die Burg konnte im Jahr 1399 erst nach Einsatz des überschweren Frankfurter Geschütz, eines der größten Steinbüchse der damaligen Zeit, mit 170 kg schweren Steinkugeln, besiegt werden.
Eremitage – Eine kleine Kapelle mit Strohdach. Erbaut um das Jahr 1787. Nach langer Renovierung wieder aus der Nähe zu sehen.
Felsberg – Erstklassige Fernsicht über Darmstadt, Frankfurt bis zum Taunus.
Felsenmeer – Riesensäule, Altarstein, Regenbogenstein aus der Römerzeit. Nachbau einer römischen Pendelsäge aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.
Felsinghütte – Hier finden seit dem Jahre 1902 die Frankensteiner Bergturnfeste statt, so auch an diesem Tag.
Förster-Dörr Eiche – Markiert den Abzweig zum Melibokus.
Fürstenlager – Sommerresidenz der Landgrafen und Großherzöge Hessen-Darmstadt.
Garten der Freiheit – Erinnerungsstein für freies und selbstbestimmtes Leben. Wo sich Staub zu Licht wandelt.
Goldschmidts Park – Wieder aufgebaute Villa von Major Hahn aus dem Jahre 1870.
Steinerne Bank – Erinnert an „Hans“, gefallen im Jahr 1915 in den Karpaten.
Jungbrunnen – (Bitte nicht hineinspringen)
Kräutergarten – Küchen- und Heilkräuter nach mittelalterlichem Vorbild, mit Breitwegerich, Schokoladenblume.
Leitwerk der „D-ABES“ – Teil einer ausgemusterten Boeing 737-300.
Melibokus – Höchster Berg des ganz vorderen Odenwalds, Aussichtspunkt. Bei gutem Wetter Fernsicht über den Rhein bis in die Pfalz.
Natur-Barfußpfad – Auf Zehen durch die saftigen Wiesen des Stettbacher Tals.
Riesen-Mammutbaum – Einer der ältesten Mammutbäume Deutschlands. Höhe rund 45 Meter, Stammumfang circa 6 Meter.
Schloss Heiligenberg – Sommersitz von Wilhelmine von Hessen und bei Rhein.
Siegfriedquelle – War hier der Drachentöter aus dem Nibelungenlied?
Toter Mann – Steinformation, die an einen gruseligen Mord im Jahre 1555 erinnert.
Uhlandsruhe – Ein Gedenkstein für die verschwundene Uhland-Eiche.
Wildbiotop Darsberg – Heute ein beliebter Platz für querfeldein-Radler.

Das wurde zum aktuellen Schwerpunktsthema „Wald“ anschaulich vor Ort an Beispielen erklärt:

Wie man (forensisch) anhand von Bodenmarkern die letzten Lebensminuten eines gefallenen Baumes rekonstruieren kann.
Warum in neu ausgewiesenen „Kernflächen Naturschutz“ besonders viele frische Baumstümpfe zu finden sind.
Kryptische (Geheim-)Zeichen an Bäumen und was sie in der Forstwirtschaft bedeuten.
Wieso der Tod für Bäume aus einer roten Sprühdose kommt.
Wie der Wald beim Verlust von größeren Bäumen am Wald- und Wegesrand  seinen Halt verliert.
Wie man schon aus der Entfernung Privatwald von Staatsforst unterscheiden kann.
Vom Mensch eingeschleppte Pflanzen und wie sie einheimische Arten verdrängen, am Beispiel des drüsigen Springkrauts.
Warum Giftpflanzen, Giftpilze und gefährliche Tiere wichtig und schützenswert sind.
Wie man von Menschenhand bearbeitete Felsen in der Natur erkennt und antike von neuzeitlichen Bearbeitungstechniken unterscheiden kann.
Wo es offiziell freigegebene Routen für das Radeln querfeldein durch den Wald gibt, um Schädigungen des Waldes und Gefahren für sich selbst und andere zu vermeiden. [3], [4]

Die Wegstrecke:

Frühmorgens beim ersten Morgenlicht ging es zu Fuß von Darmstadt aus los, durch den Eberstädter Wald, vorbei an zahlreichen quiekenden Eichhörnchen und einem scheuen Fuchs, steil über die Eberstädter Himmelsleiter (früherer Burgenweg, jetzt verfallen) hinauf zur Burg Frankenstein. Weiter ging es dann auf kleinen Pfaden durch den sonnenbeschienen Wald und über feuchte Wiesen nach Ober-Beerbach, Steigerts, Kuralpe, Felsberg zum Felsenmeer, dann entlang der Felsen steil hinunter nach Reichenbach, wieder hoch zum Kletterfelsen Borstein, dann leicht abfallend zum Fürstenlager, wo es in dem gut gepflegten Park eine ausgiebige Mittagsrast gab. Gut gestärkt ging es dann zügig bergauf zum Auerbacher Schloss, dann noch weiter hinauf zum höchsten Punkt der Wanderung, zum Melibokus, der mit einer sehr guten Fernsicht über die Rhein-Ebene jeden Wanderer belohnt. Anschließend ging es auf kleinen Wegen durch den Wald nach Balkhausen, dann ein Abstecher zum Schloss Heiligenberg, anschließend (optional barfuß) durch die Wiesen des Stettbacher Tals, dann Aufstieg zur Burgruine Tannenberg. Anschließend ging es über den Goldschmidts-Park herunter nach Seeheim, dann wechselweise auf dem Blütenweg oder entlang von Streuobst-Wiesen mit dem letzten Tageslicht  zurück nach Darmstadt.

Piraten agiler als die Bundeswehr:

Sorry Jungs und Mädels von der Bundeswehr. Möchte Eure Wanderleistung in der vorherigen Woche über rund 33 km nicht schmälern. Aber Ihr habt bei Eurem diesjährigen „Vier-Burgen-Marsch“ nur drei Burgen geschafft. Schloss Heiligenberg ist und war nie eine Burg. Dass das Schloss nie eine militärische Funktion hatte, sondern für zivile Zwecke gebaut und genutzt wurde, das hättet Ihr doch sehen müssen.  Für eine vierte Burg hättet Ihr noch deutlich weiter zum Auerbacher Schloss laufen müssen.  🙂 [5]

Danksagung:

Mein besonderer Dank geht an alle großen und kleinen Wanderer, die sich unterwegs spontan angeschlossen haben, um ein Stück des Weges mitzugehen.

Kommunale Politik in der Natur erlebbar zu machen. Dazu braucht es weder Bus noch Bahn noch Auto noch Fahrrad. Einfach mal zu Fuß gehen. Gesund ist es allemal.

Der Eisenpirat kombiniert ein kulturell anspruchsvolles Programm mit einer zwölf stündigen rund 45 km langen Weitwanderung durch die schöne Landschaft im nahen Umland von Darmstadt. Dabei geht es bevorzugt über kleine, verschlungene Pfade mitten durch die Natur, bergauf und bergab. Die Rundwanderung startet und endet immer in Darmstadt und wird komplett an einem einzigen Tag durchgeführt. Die von mir organisierte, geführte und in einem Zug im Alpinstil durchgeführte Wanderung ist ideal für alle, denen Marathonläufe, Triathlons, Heinermänner, Hutzelläufe und ähnliches, zu langweilig und zu geistig unterfordernd sind. Die Routenführung ist jedes Jahr anders.

Beste Grüße,

Roland

[1] Inschrift auf dem Gedenk- und Mahnmal für die gefallenen Bäume 2018:
Der üppige Rosenstrauß auf der Fensterbank möchte den Blick nach draußen stören. „Seht her, bin ich nicht prächtig und anmutig, so rosenrot und kostbar!“. Er blickt mit seinen prallen Rosenblüten stolz umher und wendet sich an die hohen kahlen Winterbäume, die draußen die Außenwand des lichten Waldes bilden. Diese können nur schmunzeln, amüsiert von jenem Übermut. Etwas mitleidig flüstern sie sich zu. „Heute mag er noch stolz und vorlaut sein. Morgen jedoch und die folgenden Tage, wenn die ersten Blättchen gewelkt, die Röte verblasst, wird Bescheidenheit statt Knospen aufblühen. Er wird begreifen, dass wir die stolzesten sind, unauffällig und kahl im Winter zwar, doch überleben wir alles und jeden. Was wir gesehen und erlebt, kann keine Erzählung enthüllen. Und dieses Allwissen macht uns zu den erhabensten, einzigartigsten Geschöpfen der Welt. Wagt euch Menschen, uns zu nahe zu kommen. Es wird euch teurer kommen, als ihr je zu ermessen in der Lage seid. “ – G.B. – „In Gedenken an die gefallenen Bäume 2018“

[2] Regionales Entwicklungskonzept Südhessen, Seite 110 [PDF]
https://rp-darmstadt.hessen.de/sites/rp-darmstadt.hessen.de/files/190819_Regionales%20Entwicklungskonzept_reduziert.pdf

[3] Illegale Mountainbike-Strecken
https://www.echo-online.de/lokales/bergstrasse/kreis-bergstrasse/illegale-mountainbike-strecken_18776828

[4] Fuchstrail Bensheim
http://www.fuchstrail.de/

[5] 4-Burgen-Marsch
https://www.echo-online.de/lokales/darmstadt-dieburg/pfungstadt/vier-burgen-auf-333-kilometern_20389121

 


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